Interview im Belgischen Rundfunk

Herzlichen Dank Hans Reul für das schöne Interview in der Klassikzeit vom 18.08.20.
Die Themen: Festival Junger Künstler, Bayreuth und die Online Trilogie in Zeiten von Corona.
Viel Vergnügen beim Hören!
Klassikzeit im BRF1

Irmke von Schlichting, Eupen

Irmke von Schlichting / La Maestra

Mein Name ist Irmke von Schlichting –
ich bin Sopranistin, beheimatet in Ostbelgien.

Ich bin Grenzgängerin, Gesangsliebhaberin
und Übersetzerin von gestriger Musik
für die Ohren von heute.
Stets dem reinen, unverstärkten, absoluten Gesang auf der Spur.

Meine Wahlheimat Ostbelgien ist ein deutschsprachiges Minderheitengebiet innerhalb der wallonischen Region Belgiens, in der man vorwiegend französisch spricht. Belgien ist überdies ein Staat, in dem die Flamen und Wallonen noch immer um ein friedliches Miteinander ringen. Der immanente Konflikt zeigte sich zuletzt 2017, als nach dem Unabhängigkeitsversuch von Katalonien auch wieder die Teilung Belgiens diskutiert wurde.

In diesem konfliktreichen Gebiet voller Hindernisse zwischen den Sprachen und Zugehörigkeiten ist es notwendig durch Kommunikation und Kunst einen Ort und einen Zeitgeist des Friedens jenseits der präsenten Landesgrenzen zu schaffen. Hier ist der Ort, wo meine Musik ein zu Hause finden kann; zwischen dem Tumult von Geschichte, Tradition, Sprachen und Missverständnissen soll sie vermitteln, schlichten und übersetzen.

 


Innerhalb meiner musikalischen Heimat -    der Oper, gibt es ein ebensolches Spannungsfeld:
 

Als Bühnenkünstlerin innerhalb des traditionellen, hierarchisch und männlich geprägten Opernbetriebes fühlte ich mich ebenso oft wie in Wallonien fremd oder missverstanden. Dazu weder künstlerisch, noch gesellschaftlich relevant.

Daraus resultiert der nahezu gegensätzliche Wunsch mit meiner Musik einerseits zu unterhalten und andererseits die Schönheit der zeitlosen klassischen Musik zu pflegen. Inhalt statt Dekor. Ich will zeigen, dass Musik die Kraft hat zu verbinden und Unsagbares erlebbar zu machen: Weihnachten 1989, als Leonard Bernstein Beethovens „Ode an die Freude“ mit dem Text „Freiheit schöner Götterfunken“ im wiedervereinigten Berlin zum Erklingen brachte… Das ist ein unvergleichlicher Moment der verbindenden Kraft von Musik. Es ist ein Symbol für Versöhnung, Frieden und Freiheit.
Der einzig mögliche Name für ein derartiges Vorhaben war: „Über den Wolken“.

Meine Geschichte als Sängerin begann, bevor ich sprechen konnte. Es mutet an wie eine Zeile aus dem berühmten ABBA-Song “Mama says I could sing long before I could talk”. .-Bevor ich denken konnte, sang ich also. -

Meine Nachbarin aus dem kleinen, schwäbischen Heimatort erinnert noch heute, dass sie immer wusste, wenn ich singend und pfeifend aus der Grundschule kam: „Jetzt ist es Viertel nach eins.“

Die Tatsache, als Fünfte unter sechs Geschwistern aufgewachsen zu sein bedeutete, kaum wahrgenommen zu werden und daher lauter sein zu müssen. Ich habe gesungen - jeden Tag. Aus Freude, aus purer Lust am Leben - laut und hoch. Als sich meine Eltern trennten und mein Bruder starb, begann der Teil mit dem schlechten Gefühl. Wieder musste ich laut sein, um in dem Schmerz meiner Familie nicht unterzugehen. Also sang ich weiter: laut und hoch - aber diesmal wollte ich diesen Schmerz und die Trauer über den Verlust ausdrücken. Ich wollte fühlen, dass das Leben weitergeht: Mit jedem Atemzug Hoffnung in mich einatmen - Hoffnung durch Musik.
Durch meinen Gesang wurde ich im Landesmusikgymnasium Rheinland-Pfalz aufgenommen, obwohl dies für eine kinderreiche Familie höchst unwahrscheinlich war. Und das ohne wirklich Noten lesen zu können.

Unter all den Musikerinnen, die für Musik lebten und atmeten, fühlte ich mich so wohl wie noch nie: ich spürte - es war mehr als Musik, was uns alle verband: es war unser Lebenssinn. Zum ersten Mal hatte ich Freunde, fühlte mich verstanden, war in meinem Element, wenn ich Musik von morgens bis abends durch die Türen des Internats schallen hörte. Die Musik verband uns und war gleichzeitig unser Nimmerland - Hier waren wir zu Hause.

Wenn ich immernoch Musik mache, ist es ein Spiegel meiner etwas kaputten und bewegten Vita, in der es immer existenziell, aber niemals leicht zuging. Stipendien und Preise wurden erkämpft, der steinige Weg als Sopranistin, die mehr will, als nur austauschbar zu sein, wurde ertrotzt, denn alle Zeichen standen gegen diesen unvernünftigen Wunsch zu singen.

In meinem Konzert „Über den Wolken“ allerdings, scheint die Freiheit auch für mich nahezu grenzenlos. Zusammen mit dem „Ensemble über den Wolken“ interpretieren wir musikalische Geschichte neu, finden neue Medien und Ausdrucksformen und erlauben uns, was für den Klassiker schier unerhört zu sein scheint: Fun, Leichtigkeit, Überschreitung, Konventionen neu zu denken.

Ostbelgien ist meine Wahlheimat, aber zu Hause bin ich in dem Gefühl, das Musik über alle Grenzen hinweg trägt, uns Menschen verbindet, dem Klang von Miteinander, Harmonie und Menschlichkeit - aber bitte mit Sahne!

 

Irmke on Stage